Vom großen Gefühlsglück

„Och, der ist aber süüüß!“ sagen die meisten Leute, wenn sie meinen Rüde Fiete kennenlernen. Er gibt alles, um sich streicheln zu lassen: große Augen, niedlicher Blick, der gesamte Po wackelt vor Freude. Wenn er das dann noch bei einem Kind macht, kriegen die meisten Herzchen in den Augen.

Ein ganz anderes Image hat Fiete, wenn wir auf der Straße Menschen mit Hunden treffen. Im öffentlichen Raum ist er mit Maulkorb unterwegs und erfüllt dann jedes Klischee: groß, schwarz, trägt einen Maulkorb und knurrt, wenn es das vierbeinige Gegenüber erfordert. Dann gucken die meisten nur irritiert bis empört und wechseln die Straßenseite. „Der gehört doch ordentlich erzogen“, denken sie sich und manch einer spricht es auch aus.

Es ist der gleiche Hund, nur anders verpackt und klar in seiner Meinung. Zack, durchgefallen. Ist nicht erwünscht. Hunde sollen bitte lieb sein, nicht auffallen und immer bereitwillig zur Verfügung stehen, wenn der Mensch es braucht. Das macht es schwierig in unserer Gesellschaft, vor allem aber auch sehr langweilig.

Denn in punkto Authentizität haben Hunde uns einiges voraus. Sie sind klar in ihrer Kommunikation und das Sich-mal-streiten gehört dazu und macht es so schön einfach. Wie in einer liebevollen, vorzugsweise südländischen Beziehung, in der das Temperament hochkocht und, nach dem das Geschirr der Schwiegermutter an der Wand zerschellt ist, der Konflikt beigelegt und das Gefühl raus ist. Das kann eine gesunde Form der Selbstfürsorge sein.

Schließlich ist Aggression auch nur Ausdruck eines Gefühls, das gehört werden will. Meistens ist es Wut, Angst oder Hilflosigkeit. Dann hilft es, sich Luft zu machen, seinem Bedürfnis nachzugehen und nicht in seinem Gefühl stecken zu bleiben. Angemessen und ohne jemanden verbal oder körperlich zu verletzen, versteht sich. Als Mensch kann man in ein Kissen schreien. Tut gut, probieren Sie es mal aus.

Ich beobachte Fiete in solchen Momenten zwiegespalten: mein angepasstes Ich windet sich und versinkt im Boden. Mein echtes Ich und die Mutter in mir feiert ihn für seine Direktheit und wünscht sich mehr davon in unserer Gesellschaft. Das würde auch das Leben unserer Kinder deutlich einfacher machen. Kompetent streiten anstatt den schönen Schein zu wahren. Konfliktfreudigkeit steht nicht im Widerspruch mit guter Erziehung oder einer bezaubernden Persönlichkeit. Es ist nur Ausdruck eines Gefühls. Wie der niedliche Blick bei Freude übrigens auch.

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