Atmen verbindet

„Wo simmer? Wo simmer?“ Als ich den Kofferraum öffne, ist Fiete so aufgeregt, dass er zittert. Im schwarzen Fell zeichnen sich Schuppen ab. Man könnte meinen, er steht vor der Prüfung seines Lebens. Dabei stehen wir einfach nur auf einem Parkplatz, an dem wir vorher noch nie waren.

„Erst mal atmen“, sag ich ihm, als ich mit buddhistischer Ruhe die Tür zu seiner Box aufmache. 

„Ich kann nicht! Ich muss die Welt erobern! Ein Kaninchen jagen! Ein Mädel begatten! Einen Rüden verkloppen!“ „Nix da!“, sag ich. „So lange ich deine Tierarztkosten bezahle, bestimme ich auch, was wir auf unserem Spaziergang machen!“. „Och menno“, mault er und fügt sich ins Atmen.

Die ersten 10 Minuten des Spaziergangs sind schwierig. An seinen Plänen, die Weltherrschaft an sich zu reißen, hält Fiete fest und ich bin dankbar, dass uns niemand entgegen kommt. Das würde gerade nicht gut aussehen.

Ich hole ihn dichter zu mir und erinnere ihn noch mal ans Atmen. Und während wir da so stehen, ich in Ruhe und er nicht, denke ich darüber nach, wie anstrengend es sein kann, jemandem sein Handeln zu erklären, wenn man doch lieber gerade Freizeit hätte. Schließlich ist Samstag und die Sonne scheint. Das Bild der verträumt schlendernden Hundebesitzerin, die von ihrem gechillten Hund durch die Natur begleitet wird, schießt mir in den Kopf. Dabei hatte ich es doch schon vor einigen Jahren begraben.

Meine Schäferhündin hat gejagt wie ein Profi. Da durfte ich nicht abschalten. Der Beagle hat alles gefressen oder sich zumindest in allem gewälzt. Da wollte ich nicht abschalten. Fiete neigt zu Kurzschlüssen. Da kann ich nicht abschalten.

Wie viel Freiheit braucht ein Hund? Wie viel Kontrolle? Und wie viel Sicherheit? Kommt auf den Hund an. Ein Herdenschutzhund kann Entscheidungen gut allein treffen. Dafür ist er gemacht. Wenn in den Karpaten der Wolf angreift, kann er nicht erst Muddi rufen. Ein Schäferhund dagegen soll wenig eigene Ideen haben. Er soll Befehle ohne Diskussion ausführen, sonst ist er als Diensthund ungeeignet.

Mit dem Bewusstsein kann, je nachdem welcher Mensch zum Hund gehört, das perfekte Team zusammen wachsen. Bin ich eher der Beamte, freue ich mich über einen angepassten Hund. Bin ich eher ein Wildcamper, aber mein Hund braucht Regeln und Verbindlichkeit, führt die vermeintliche Freiheit früher oder später zu Überforderung.

So gesehen stehe ich gern mit Fiete im Wald. Gemeinsames Atmen verbindet.